Viele moderne digitale Spiegelreflexkameras (DSLR) locken mit der Möglichkeit, auch Video aufzuzeichnen zu können. Das alleine wäre eigentlich noch nicht besonders spektakulär angesichts der Tatsache, dass das heutzutage auch praktisch alle Kompaktkameras und sogar Smartphones können. Vielleicht sollten wir also mal etwas genauer schauen, was denn die Besonderheiten beim Einsatz von DSLRs für Video sind. Was macht den Reiz von DSLR-Video aus und was genau sind eigentlich die technischen und handwerklichen Anforderungen und Schwierigkeiten, um diese Besonderheiten auch entsprechend zur Geltung bringen zu können? a. Schärfentiefe / Cinelook Der deutlichste Unterschied zwischen Kompaktkamera und DSLR ist die Wirkung der Schärfentiefe. DSLRs können durch ihren wesentlich größeren Aufnahmesensor bei offener Blende einen extrem knappen Schärfebereich haben. Beispielsweise wirkt eine Großaufnahme von einer DSLR deutlich plastischer, da der Hintergrund des Motivs wesentlich unschärfer wird als bei einer vergleichbaren Aufnahme mit einer Kompaktkamera mit kleinem Sensor. Der Fokus des Betrachters wird spürbar stärker auf das Motiv gerichtet, das Umfeld verliert an visueller Bedeutung. Ein ganz wesentliches Gestaltungsmittel beim Film, das sich jetzt auch mit vergleichsweise geringem Aufwand jedem Interessierten eröffnet. Die Hersteller von videotauglichen DSLRs, allen voran Canon, haben einen hervorragenden Job gemacht, diese Möglichkeiten öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen und somit eine breite Aufmerksamkeit und ein großes Interesse an dieser Technik zu generieren. Jeder kann jetzt Video produzieren, das wirkt, als sei es fürs Kino produziert. Inwieweit Wunsch und Realität dann in der Praxis zusammenkommen werden wir im Laufe dieses Artikels noch näher betrachten und erforschen. b. Objektive / Linsen Eine Kamera alleine macht noch keine guten Bilder. Ok, diese Weisheit ist natürlich kein Neuland für diejenigen, die schon Erfahrung im Bereich Fotografie gesammelt haben. Aber es ist einfach Fakt, dass erst gute Linsen auch ein technisch gutes Bild machen können. Ohne in diesem Artikel allzusehr in optotechnische Details zu gehen dürfte jedem klar sein, dass große Linsen besser sind als klitzekleine Linsen z.B. an Kompaktkameras. Stark vereinfacht ausgedrückt lässt sich eine schöne Landschaft besser durch ein großes Fenster betrachten als durch ein winzig kleines Guckloch. Große Objektive an DSLRs haben schonmal prinzipbedingt eine höhere Detailauflösung. Andere technische Faktoren für die Qualität von DSLR-Objektiven gibt es genügend, wir wollen an dieser Stelle aber mal einen ganz wesentlichen Faktor hervorheben, der sich nicht unerheblich auf die Filmarbeit mit einer DSLR auswirkt. Der Autofokus. Gehen wir einmal davon aus, dass wir uns ein wirklich gutes DSLR-Objektiv leisten. Lichtstark soll es sein, damit wir auch wirklich mit knapper Schärfentiefe arbeiten können. Nehmen wir mal, um ein leicht verständliches Beipiel zu haben, ein Canon EF 70-200mm/2.8. Ein äußerst robustes, schweres Objektiv mit viel Glas. Nun ist es so, dass dieses Objektiv erstmal für die Fotografie gebaut wurde. Wichtig ist hier z.B. dass der Autofokus möglichst schnell und präzise funktioniert. Tut er auch, keine Frage. Die Frage ist eher, warum ist er so schnell? Im Objektiv ist ja doch einiges an Masse verbaut, die beim Fokussieren bewegt werden muss. Man hat das Objektiv so konstruiert, dass die vom Fokusmotor zu bewegende Strecke möglichst kurz ist. Die Schärfedistanz von 5m bis unendlich bewegt sich am Schärfering in gerademal 3cm, der gesamte Schärfebereich des Objektivs von 1,4m bis unendlich wird in etwa 130° Drehung des Schärferings durchlaufen. Das hat nicht ganz unwichtige Konsequenzen für das Filmen mit solch einem Objektiv. Das punktgenaue manuelle Fokussieren wird erheblich schwieriger. Liegt man z.B. bei einer Motiventfernung von 10m nur 1mm am Schärfering daneben, dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr das gewünschte Motiv scharf, sondern vielleicht ein Gegenstand 1 Meter hinter dem Motiv. Ein Umstand, der dem angehenden DSLR-Filmer zu Beginn überhaupt nicht bewusst ist. Nun könnte man denken, dass man eben einfach auf die schnelle Autofokus-Fähigkeit des Objektivs zurückgreift, statt manuell zu fokussieren. Aber auch das wird nicht klappen, da für die Elektronik eines Foto-Objektivs die Übergangsphase von einem Fokuspunkt zum anderen völlig unerheblich ist. Schnell muss es gehen und nicht irgendwie schön und weich. Denken wir uns jetzt eine Kamerafahrt auf ein Motiv zu. Während der Kamerafahrt haben wir (rein hypotetisch) den Autofokus ständig aktiv. Was wird passieren? Während der Kamerabewegung wird der Fokus ständig automatisch und blitzschnell (ruckartig) korrigiert, was man natürlich mehr als deutlich sieht. Unbrauchbar für Filmarbeit. Wir haben also schon ein erstes Problemfeld beim Filmen mit DSLR-Equipment kennengelernt. Lösungen gibt es natürlich genügend, allerdings haben diese Lösungen alle ihren Preis. Stichworte sind z.B. Ein Follow-Focus-Rig mit Getriebeübersetzung. Diese werden auch von den Profis beim Film immer eingesetzt ... allerdings gibt es dort auch einen Mitarbeiter, der für das präzise Ausmessen der Szene und anschließend für die Bedienung des Follow-Focus bei Kamerabewegung zuständig ist. Der Focus-Puller. Für unseren auf Kino gemachten Urlaubsfilm werden wir aber keinen Focus-Puller engagieren. Haben wir also schon unser erstes Handling-Problem gefunden. Vertiefen wir dieses Problem noch ein Stück weiter. Gesetzt den Fall, wir haben uns ein schickes Follow-Focus-Rig für viel Geld gekauft. Alles schön angepasst auf das o.g. Canon EF 70-200mm/2.8 und nach einiger Übung auch einigermaßen gelernt, damit umzugehen. Aber jetzt möchten wir gerne schnell das Objektiv wechseln. Ein 50mm/1.4 soll zum Einsatz kommen. Und schon das nächste Problem. Die beiden Objektive haben weder den selben Durchmesser, noch die selbe Baulänge. Also muss nicht nur das Objektiv gewechselt werden, sondern der gesamte Follow-Focus umgebaut werden. Eine Horrorvorstellung genau dann, wenn man einfach nur mal eben schnell noch eine Einstellung drehen will, solange das Abendlicht noch so schön ist. Von dem Begriff "schnell" muss man sich spätestens in solchen Momenten entgültig verabschieden. Plötzlich wird alles furchtbar unhandlich und umständlich. Bei richtigen (und teils extrem teuren) Filmobjektiven z.B. von Zeiss, Cooke oder auch Red sind alle Objektive einer Serie so konstruiert, dass sie kompatible Außenabmessungen und Anordnungen haben und damit auch vergleichsweise einfach und schnell am Set wechselbar sind. Zum Abschluss dieses Kapitels noch eine kleine Übung und Denksportaufgabe für alle, die schon eine DSLR und ein Zoomobjektiv besitzen. Schonmal versucht, schön sauber, langsam, gleichmäßig zu zoomen, den Zoomring zu drehen? Versucht es mal und achtet wirklich darauf, ob diese Zoomfahrt im Sucher ruckfrei und gleichmäßig aussieht. Ich wette, ihr merkt ganz schnell, dass das ein beachtlich kompliziertes Unterfangen ist. Und falls euch diese Herausforderung noch nicht genug ist, dann macht doch mal während einer Zoomfahrt noch eine schöne Schärfeverlagerung. Die Kräfte der Evolution sollten sich wirklich ranhalten, uns eine dritte Hand wachsen zu lassen. Wie ihr sehen könnt, ist alleine das Kapitel Objektive / Linsen schon deutlich länger geworden, als man anfangs vielleicht vermutet hätte. Bleiben wir trotzdem optimistisch und gehen über zum nächsten Kapitel, dem Thema Sucher, Display, Monitor. c. Belichtung / Shutter / ND-Filter Hurra, hier fühlt man sich als geübter Fotograf erstmal zuhause. Die korrekte Belichtung von Fotos gelingt einem mit ein wenig Routine und Erfahrung sehr gut und schnell. Wo also soll es da unerwartete Probleme geben, nur weil wir jetzt Video produzieren wollen? Doch, es gibt Faktoren, die das Arbeiten mit Video an einer DSLR-Kamera ein wenig zum Denksport machen. Fangen wir mal mit einem Blick auf den klassischen Film an, um uns so dem Problem zu nähern. Bei einer klassischen Filmkamera liegt ein Frame (Einzelbild) im Bildfenster bis es fertig belichtet ist. Anschließend wird das Bildfenster geschlossen und der Film um ein Bild weitertransportiert. Das Bildfenster wird dabei nicht von einem Verschluss wie beim klassischen Fotoapparat geöffnet und geschlossen, sondern von einer rotierenden Scheibe, vereinfacht gesagt einem Halbkreis. Unabhängig von der Aufnahmegeschwindigkeit (Bilder pro Sekunde) wird so sichergestellt, dass das Bildfenster immer 180° geöffnet und anschließend 180° geschlossen ist während der Film transportiert wird. Kleine Rechenübung: Drehen wir klassischen Film mit 24 Bildern pro Sekunde, so ist das Bildfenster immer nur 1/48s lang zur Belichtung geöffnet. Drehen wir Film mit 60 Bildern pro Sekunde, so ist die Belichtung immer genau 1/120s. Wir haben es also mit einer festen Belichtungszeit zu tun, an die wir uns in der Regel auch halten sollten, da nur so sichergestellt ist, dass wir flüssige Bewegungen so aufzeichnen, wie wir sie aus dem Kino kennen. Stichwort Bewegungsunschärfe. Nutzen wir deutlich kürzere Belichtungszeiten, dann erhalten wir einen sehr unschönen Shuttereffekt, der gleichmäßige Bewegung stroboskopartig ruckeln lässt. Wow, das ist mal eine Einschränkung! Das bedeutet ja im Gegenzug, dass wir z.B. bei strahlendem Sonnenschein nur noch die Blende zudrehen können, um richtig belichten zu können. Und wenn wir die Blende zudrehen, dann geht uns der schöne Effekt knapper Tiefenschärfe völlig verloren. Das kanns ja nicht sein. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen, wie wir den Lichteinfall reduzieren bzw. regulieren können, ohne die Belichtungszeit zu verkürzen und ohne die Blende zudrehen zu müssen. Bleiben also nur Graufilter (ND-Filter). Glücklicherweise muss man aber nichtmehr ein ganzes Sortiment verschiedener ND-Filter mit sich rumschleppen. Schlaue Menschen haben den sogenannten VariND-Filter entwickelt, bei dem sich die Dichte durch Verdrehen von 2 Filterscheiben stufenlos regulieren lässt. Haben wir also ein weiteres Stück Equipment entdeckt, das für den Einsatz einer Video-DSLR unabdingbar ist. Damit wir nicht für jeden Objektivdurchmesser einen anderen VariND-Filter kaufen müssen, kann man einfach einen übergroßen VariND kaufen und dann noch entsprechende Reduzierringe für die vorhandenen Objektivdurchmesser. Spart sicher eine Menge Geld, bedeutet aber zusätzlichen Aufwand beim Objektivwechsel. Nehmen wir zum Schluss dieses Kapitels einmal an, dass wir eine Kamerafahrt oder einen Schwenk aufzeichnen wollen, bei dem wir die Blende "mitziehen" wollen. Moderne AF-Objektive haben aber in der Regel überhaupt keinen Blendenring mehr. Man stellt die Blende z.B. mit einem Drehrad am Kameragehäuse ein ... und zwar in Stufen. Ein sauberes, kontinuierliches Ziehen der Blende ist also schlichtweg unmöglich, solange man nicht z.B. alte, manuelle Linsen auf die DSLR-Kamera adaptiert. Und selbst dann ist die Angelegenheit tückisch, weil die Blendenringe üblicherweise Rasten haben. Hier würden also nur adaptierte, sogenannte Cine-Primes helfen, die jedes normale Sparschwein vor Schreck explodieren lassen. d. Sucher / Display / Monitor Hartnäckig hält sich die Meinung von DSLR-Film-Interessierten, dass man das Bild durch den Sucher betrachten kann. Nein, meine Damen und Herren, das tut man nicht. Kann auch gar nicht, da beim Filmen der Spiegel einer Spiegelreflexkamera natürlich hochgeklappt sein muss. Also bestaunt und beurteilt man das Videobild auf dem Display der Kamera. Hat nach kurzer Überlegung zum Beispiel den Nachteil, dass man die Kamera auch nicht am Auge mit abstützt, sondern gewissermaßen vor sich herträgt. Das trägt nicht gerade zu einer stabileren, ruhigeren Bildführung bei. Aber das alleine wäre noch nicht so dramatisch, wäre da nicht der gravierende Gegensatz zwischen kleinem Display und hochauflösender Aufzeichnung. Wie soll man auf einem kleinen Display mit vergleichsweise geringer Auflösung in nicht unerheblichem Abstand zu den Augen und möglicherweise mit Sonneneinstrahlung die Belichtung oder gar die Schärfe beurteilen können? In der Praxis ist das schlichtweg unmöglich. Also wird man innerhalb kürzester Zeit auf die Suche nach einer Displaylupe gehen. Passende Gerätschaft gibt es natürlich auf dem Markt. Aber egal für welche Ausführung und Preiskategorie man sich entscheidet, es ist wieder ein Teil mehr im Fotorucksack ... und dann auch noch ein Teil, das man fürs Filmen montiert und fürs Fotografieren wieder abnimmt. Geht man dann noch einen Schritt weiter und möchte eine wirklich hochwertige Videovorschau haben, dann endet man ganz schnell bei einem externen (akkubetriebenen) Monitor, derer es viele gibt im Broadcast-Bereich. Aber ich verspreche, dass angesichts der Preise dann entweder der Urlaub ausfallen muss, oder aber das nächste Weihnachtsfest gestrichen wird, mindestens. Auch an dieser Stelle könnte ich problemlos noch mehr ins Detail gehen. Wichtig ist mir aber, in diesem Artikel einmal stichhaltig und möglichst praxisnah zu zeigen, wie sich die Vorstellung einer einfachen und schnell zu nutzenden Video-DSLR-Kamera in kürzester Zeit zu einer Materialschlacht entwickeln kann, an deren Ende dann entweder ein mehrköpfiges Team zu Werke gehen muss, oder aber die hochwertige Technik irgendwo im Schrank vergammelt, weil man den immensen Aufwand scheut. e. Stativ / Slider / Grip In den vorigen Kapiteln war schon mehrfach von ruhiger Bildführung, von gleichmäßigem Zoomen die Rede. Natürlich ist kein Filmemacher gezwungen, immer alles schön ruhig, gleichmäßig oder gar statisch zu filmen. Kamerabewegung spielt im Film durchaus eine sehr große Rolle, manchmal durchaus auch hektische, schnelle, dynamische Reißschwenks und Powerzooms oder eine subjektive, wackelige Kameraführung. Wenn man sich mittels Video-DSLR auf den Weg zu einer cinematografischen Bildsprache machen möchte, dann sollte man diese Stilmittel sehr bewusst und gezielt einsetzen. Es ist noch kein Film entstanden, bei dem aus handwerklich nachlässigem und undefiniert wackeligem Bild ein mitreißendes Filmerlebnis wurde. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Einsatz von Stativen und/oder anderer Kamerastabilisierung ist wichtig, wesentlich, nicht vom Tisch zu diskutieren. Egal ob es anfangs mit einem ordentlichen Stativ inkl. Videoneiger mit Friktion getan ist, oder ob man über kurz oder lang auch ein wachsendes Interesse für Kameraschienen, Dollies oder gar Kamerakräne oder Steadycam entwickelt. All diese Systeme eröffnen neue und spannende Möglichkeiten, die man als ambitionierter DSLR-Filmer schon bald kennenlernen und erforschen möchte. Sobald man realisiert, dass die Kamera immer das Auge des Zuschauers darstellt, beginnt man sich Gedanken zu machen, wie man den Zuschauer durch die geplante Szene oder von einer Szene in die nächste führen kann, evtl. gewünschte dramatisierende, überspitzende Effekte inklusive. Als Einsteiger in das Thema Video-DSLR und Cinelook sollte man sich sehr bewusst sein, dass man ohne jegliche Kamerastabilisierungs- oder Kameraführungstechnik auf ziemlich trockenem Boden steht. Während man als Fotograf noch gemsengleich durchs Hochgebirge hüpfen kann, um wunderschöne Panoramen und Gebirgsidyllen zu fotografieren, wird einem DSLR-Filmer schon beim Gedanken schwummerig, sein ganzes Equipment inklusive stabilem Stativ und z.B. Kameraslider durch dünne Höhenluft wuchten zu müssen. Lässt man es einfach sein, dann werden die Ergebnisse des Drehtages entsprechend unbefriedigens sein, garantiert. f. Audio Ach du heiliger Bimbam, den Ton gibt es ja auch noch. Mensch, was war das doch einfach mit der Fotografie. Eine videotaugliche Kamera hat natürlich auch sowas wie ein Mikrofönchen eingebaut. Aber mal unabhängig von der miserablen Qualität der mikroskopisch kleinen Kapsel ... wer bitte steuert den Ton ordentlich aus? Reicht da nicht einfach irgendeine mehr oder minder pumpende Automatik auch? Was mache ich, wenn mir auf meiner Gebirgswanderung der Senner auf der Alm begegnet und spontan bereit ist, mir ein wenig von seinem Alltagsleben in die Kamera zu erzählen? Vielleicht möchte ich aus bildlichen Gründen mit der Kamera 10m weit weg stehen, höre dann aber auch den Ton nur aus der Entfernung? Und schon gehts los mit externen Mikrofonen, vielleicht auch gleich noch externe Aufnahmetechnik (Zoom H4n ist ein beliebtes Gerät dafür) oder gar ein Drahtlos-Mikrofonset, um sich die 10-15 Meter Kabel sparen zu können. Selbst wenn man standhaft der Überzeugung bleibt, dass man auch mit dem eingebauten Mikrofon erstmal zurechtkommt, ich krieg euch spätestens mit dem nächsten Argument. Wieviel Freude und Gelassenheit könnt ihr in eure Umwelt verspühen, wenn ihr am Abend nach der o.g. Wanderung im Hotel unten im Tal ankommt und euch das Interview mal kurz anhört? Ständiges Kratzen oder Scharren vom aktiven Image Stabilizer, heftiges Gerumpel und Gepolter immer wenn man die Kamera oder das Objektiv auch nur angefasst oder losgelassen hat. Dieses verflixte vorsichtige Räuspern des Kameramannes, das die Erzählung des Senners überdeckt wie ein hochalpiner Gewittersturm und Steinschlag auf einmal. Apropos Sturm, haben wir auch an einen geeigneten Windschutz für unser externes Mikrofon gedacht? Selbst wenn wir auf das Beispiel Gebirgswanderung verzichten und uns stattdessen der vermeintlich simpleren Aufgabe eines spektakulären Feuerwerkes widmen, es wäre wirklich das erste Mal, dass es jemand schafft, mit dem eingebauten Mirofönchen einen wuchtig satten Feuerwerkssound aufzuzeichnen. Hand aufs Herz, verehrte Leser, das wird so nichts. Da muss auch eine durchdachte Lösung her und diese Lösung möchte ebenfalls beherrscht, transportiert, benutzt und bedient werden. g. Kompression / Qualität Die derzeit am Markt verfügbaren videotauglichen DSLR-Kameras zeichnen alle Video mit mehr oder weniger starker Kompression auf. Bisher ist keine dieser Kameras in der Lage, in einem verlustfreien Format, idealerweise RAW aufzuzeichnen. Das hat zwar den Vorteil, dass sich der benötigte Speicherplatz noch in einigermaßen handhabbaren Grenzen hält, hat aber gleichzeitig den Nachteil, dass man in der Post-Production nicht mehr in den Genuss voller Qualität kommt. Leider merkt man diesbezügliche Schwierigkeiten oft erst in der Post-Production. Das fängt mit plötzlich sichtbaren, verstärkten Artefakten nach einer Farbkorrektur an und endet mit massiven Problemen, wenn man z.B. Filmsequenzen in Chroma-Key Technik (Bluebox/Greenbox) produzieren möchte und das präzise Keying von feinen Kanten und Strukturen wie z.B. Haaren bei der Bearbeitung unerwartet schwierig wird. Die Kompression innerhalb der Kamera geht nunmal mit nicht unerheblicher Datenreduktion einher, damit muss man lernen umzugehen. Beispielsweise gibt es diverse Möglichkeiten, die Kameraeinstellungen so zu ändern, dass man ein visuell flach, flau, kontrastarm, weich anmutendes Bild aufzeichnet, das einem aber im Gegenzug mehr Möglichkeiten in der Nachbearbeitung bewahrt. Nutzt man diese Möglichkeiten und verzichtet auf ein scheinbar "fertiges" Bild aus der Kamera, dann muss natürlich beim Dreh darauf verzichten, ein "fertiges" Bild im Display oder auf einem externen Monitor beurteilen zu können. Man erhält dann im Grunde optimierte Daten, die ihre volle Wirkung erst nach einer entsprechenden Farbkorrektur richtig entfalten. Die Firma Technicolor z.B. bietet für die Video-DSLRs von Canon z.B. einen kostenlosen Picture Style namens "Cinestyle" an, der stark vereinfacht ausgedrückt eine Art RAW-Aufzeichnung simuliert. Außerdem möchte ich an dieser Stelle noch kurz darauf hinweisen, dass das von den Kameras erzeugte hochkomprimierte Dateiformat nur begrenzt für den Videoschnitt geeignet ist. Man sollte sich also nicht wundern, wenn man die Dateien direkt in z.B. Adobe Premiere Pro schneiden möchte und die Arbeit nur sehr unperformant ist. Hin- und Herspulen kann durchaus auch auf schnellen Workstations eine hakelige Angelegenheit sein, solange man sein Material nicht in einen (intermediate) Codec wandelt, der speziell für den Videoschnitt entwickelt wurde. Cineform bietet beispielsweise mit "Neo" solche Intermediate Codecs mit unterschiedlichem Featureset und mit entsprechendem Konvertierungstool an. h. Fazit Nachdem wir jetzt erstmal nur die wichtigsten Punkte bezüglich des unabdingbaren oder zumindest stark wünschenswerten Equipments durchgegangen sind, merken wir wie sehr der anfängliche Sonnenschein der Gedanken bzgl. DSLR-Video sich zunehmend verdunkelt hat. Es ist wirklich deutlich mehr Aufwand nötig, als man mangels Erfahrung meint. Davor soll dieser Artikel warnen und die nötigen Gedankenstützen für einen Start in die Materie liefern. Wer sich der bisher angesprochenen Problematiken bewusst ist, der kann möglicherweise auch eigene Lösungen finden und evtl. überzeichnet dargestellten Aufwand für die eigenen Zwecke und Möglichkeiten minimieren. Trotzdem wird immer zumindest ein kleines "das hab ich mir aber einfacher vorgestellt" übrigbleiben. Wer ehrlich gegenüber sich selbst ist und den hier erkannten Mehraufwand scheut, der kann vielleicht am Ende des Artikels sagen, er habe eine Menge Geld und Mühe gespart und trotzdem einiges dazugelernt. Wer sich aber davon anspornen lässt und lernt und sich von den Schwierigkeiten nicht bremsen lässt, der wird viel Spaß haben, die Vielfalt an neuen Möglichkeiten nach und nach zu erforschen. Man muss sich nur wirklich darüber im Klaren sein, dass es mit dem Erwerb einer entsprechenden Kamera noch lange nicht getan ist. Es gehört eine Menge mehr dazu, um eine Video-DSLR auch so nutzen zu können, dass sie einen echten gestalterischen Mehrwert gegenüber normalen Consumer-Videokameras entfaltet. Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß und tolle Erfolge, falls ihr euch nach der Lektüre dieses Artikels immernoch motiviert an das Thema Video-DSLR ranmacht. Bitte scheut nicht davor zurück, einfach zu fragen, falls ihr in irgendeinem Punkt weitere Hilfe braucht oder aber Ergänzungsvorschläge für diesen Artikel habt. Ich werde versuchen zu helfen, so gut ich kann.